Tagline
Gewaltfreie Kommunikation mit Pferden ist möglich - immer und überall!
"Wut als Ausdruck enttäuschter Erwartungen
Beginnen wir unseren Exkurs mit dem Blick auf ein wütendes Kind, denn beim Kleinkind zeigt sich Wut noch in seiner natürlichsten Form.
Da wird das Gesicht zur Faust geballt, mit den Händen in die Luft geboxt und mit den Füßen gestampft. Es wird geschnauft und geflucht. Diese ungerichtete Wut würde von selbst wieder vollständig abklingen, wenn sie genug gefühlt und die Enttäuschung über die nicht erfüllte Erwartung zum Ausdruck gebracht worden wäre. So wie jedes andere Gefühl auch nach spätestens 3 Minuten abklingt. Wenn Ärger jedoch unterdrückt werden muss, staut er sich auf. So ist das im Supermarkt auf dem Boden liegende strampelnde und schreiende Kind kein auf ein Einzelerlebnis überreagierender Mensch, sondern ein über längere Zeit frustriertes Wesen.
„Geh auf dein Zimmer!“ oder „Du kannst wiederkommen, wenn du dich ausgebockt hast!“ sind Sätze, die viele Menschen aus ihrer Kindheit kennen oder vielleicht selbst noch benutzen. Diese Sätze sagen einem Kind, dass man sie mit diesem Gefühl nicht haben will. Diese Sätze zeigen aber auch, dass der Sprechende Wut nicht aushalten kann - weder bei sich noch bei anderen.
Für den PFERDE-GERECHTen Umgang empfiehlt es sich, die Verletzung hinter der Wut kennen zu lernen, die Energie der Wut gerichtet abbauen zu können, die eigenen unangemessenen Erwartungen zurückzunehmen und durch angemessene sowie angemessen kommunizierte Erwartungen zu ersetzen. Auch für die Auseinandersetzung mit diesem Thema braucht es unseren Mut.
Aufgabe: Wenn du dich das nächste Mal über etwas zu Hause ärgerst, dann erlaube dir ärgerlich zu sein, stelle dich vor einen Spiegel und beobachte, welche körperlichen Zeichen (wie Zähne zusammenbeißen oder/und Wallungen im Bauch usw.) bei dir wie aussehen!
Vom Wesen der Wut
Das Gefühl heißt einfach Wut. Gesellschaftlich ist es nicht sehr anerkannt und so hat es sich eingebürgert, lieber etwas abgeschwächter von Ärger und bei Steigerung von Zorn oder von Frustration zu reden. Wut wollen wir dieses Gefühl lediglich nennen, wenn es bei noch nicht gesellschaftlich angepassten Kindern in seiner ganzen Kraft oder bei Erwachsenen im Kontrollverlust sichtbar wird. Auf Körperebene macht es keinen Unterschied, ob wir von Ärger, Zorn, Frust oder Wut sprechen: die Stirn wird zusammen gezogen, der Kiefer verhärtet sich, der gesamte Körper ist angespannt, in der Magengrube rumort es und eine Reaktion kündigt sich an. Diese kann in unterschiedlichen Abstufungen offen aktiv oder auch schwer erkennbar passiv erfolgen. Dann sprechen wir von offen gezeigter Aggression oder dem verdeckten passiv-aggressiven Verhalten. Dabei heißt Aggression natürlich nicht sofort maximales Angriffsverhalten. Sie kann sich auch ganz subtil in einem kaum erkennbaren Stirnrunzeln, Flattern der Nasenflügel oder dem minimalen Kräuseln der Mundpartie äußern.
Wieso werden wir überhaupt wütend?
Wut vom kleinsten Ärger mit seinen Steigerungsformen Frust und Wutausbruch zeigt an, dass wir enttäuscht sind, weil unsere Erwartungen nicht erfüllt wurden. Eine Ent-täuschung kann nach Vera F.Birkenbihl u.a. als das Ende einer Täuschung angesehen werden. Das kann in unserer Wahrnehmnung sowohl positiv als auch negativ bewertet werden, jenachdem welcher Art unsere Erwartung war.
Bei einer positiven Enttäuschung, wenn etwas also besser als erwartet ist, empfinden wir Glück und Freude. Bei einer negativen Enttäuschung hingegen etwas zwischen Resignation und Wut. Für letzteres übernehmen wir nicht so gerne die Verantwortung.
Werden wir uns unserer Erwartung bewusst, können wir sie auch zurücknehmen, wenn sie unangemessen hoch war oder wir können sie dem anderen mitteilen, so dass er sie bei seinen Handlungen berücksichtigen kann. In Bezug auf den Umgang mit unseren Pferden haben wir es meistens mit unangemessen hohen Erwartungen oder Erwartungen, die dem Naturell der Pferde entgegenstehen zu tun.
Manchmal staut sich Wut auf und wird dann gegen einen unbeteiligten Dritten oder gegen sich selbst gerichtet.
Das dies fatale Folgen haben kann, zeigt sich z.B. an den Misshandlungen von Pferden, die als Blitzableiter missbraucht werden.
So tief in die Materie können und wollen wir in diesem Rahmen nicht einsteigen. Uns soll es hier um den spontanen Umgang mit Ärger gehen, den unser Pferd vermeintlich in uns auslöst, weil es „mal wieder ...“.
Im PFERDE-GERECHTen Denken streben wir an, jegliches menschliches Aggressionsverhalten gegenüber Pferden abzubauen. Das kann durch Bewusstheit, Verantwortungsübernahme und Techniken für den gesunden Abbau von Wut erreicht werden.
Entstehung von Wut
Ab hier verwende ich Beispiele aus dem Alltag mit Hunden, da ich den Text für ein Manuskript über HUNDE-GERECHTen Umgang geschrieben habe, das leider nicht vom Verlag angenommen wurde.
Jeder von uns hat bestimmt schon einmal kurz geflucht oder mit seinem Hund geschimpft, weil er irgendwo genau hinter uns stand und wir über ihn gestolpert sind.
Anhand dieses Beispiels schauen wir uns an, wie Wut entsteht. Der Prozess beginnt schon weit vor dem eigentlichen, Wut auslösenden Ereignis.
Wir hatten die (unbewusste) Erwartung an unseren Hund, dass er achtsam ist und unseren Bewegungen jederzeit ausweicht.
Diese Erwartung wird vom Hund enttäuscht, denn er stand einfach dort oder bewegte sich gar so, dass ein Stolpern unsererseits scheinbar unausweichlich war.
Das machte uns vielleicht wütend, auch wenn wir es vielleicht nur als ärgerlich bezeichnen würden (Stirn kraus, zusammengepresste Zähne, angespannter Kiefer, angespannter Körper, geballte Fäuste). Ein sehr altes Hirnareal übernimmt und schaltet den Verstand ab.
Unsere Reaktion ist situations-, hormon- und typbedingt mehr oder weniger stark aggressiv (energiegeladene Stimme, unfreundliche Worte - wir fluchen, meckern vor uns hin oder schimpfen mit unserem Hund und finden manchmal nur schwer ein Ende. Vielleicht ärgern wir uns auch über einen anderen Menschen, der sich gerade um den Hund kümmern sollte oder einfach über uns selbst).
Die Wut baut sich durch unsere Reaktionen ab, unser zum Denken fähiger Gehirnteil übernimmt wieder. Wir werden wieder gelassener und können hoffentlich reflektiert über die Situation nachdenken.
Reflektieren wir ehrlich, wird uns klar, was wir hätten besser machen können. Vielleicht hätten wir selbst achtsamer sein sollen, statt über die Vergangenheit oder die Zukunft zu grübeln. Damit übernehmen wir die Verantwortung für die Situation.
Wir üben, vor allem selbst achtsamer zu sein, vielleicht den Hund zu trainieren, an der Schwelle stehen zu bleiben und eventuell dem anderen Menschen unsere Erwartungen zu seiner Teilverantwortung mitzuteilen.
Im Beispiel wird deutlich, dass eine Erwartung bereits vor dem Wut auslösenden Ereignis entstanden ist. Eine Erwartung ist nichts Naturgegebenes, sondern sie wird von uns (oft unbewusst) aufgestellt. Wir sind für unsere Erwartungen verantwortlich.
Die Kompetenz, Wut adäquat abzubauen, ohne sie zu verdrängen
Bevor wir auf den konstruktiven Umgang mit unerfüllten Erwartungen zu sprechen kommen, schauen wir uns einmal an, wie der Prozess der Kompetenzentwicklung in Bezug auf den adäquaten Umgang mit unserer Wut aussehen kann.
Zunächst ist es oftmals so, dass wir von uns selbst denken, dass uns dieses Thema nicht betreffen würde: Wir und wütend? Und dann noch unangemessen? Never!
Das ist die Phase der unbewussten Inkompetenz. Wir wissen also noch nicht, dass wir überhaupt nicht mit Wut umgehen können oder falls uns das schon bewusst sein sollte, wie wir mit diesem scheinbar nicht kontrollierbaren Gefühl umgehen können.
Irgendwie fallen uns andere ein, bei denen Wut ein Problem zu sein scheint. Da wir ein paar mehr Gedanken darauf richten, entsteht zunehmend Resonanz in uns. Vereinzelt erleben wir nun auch etwas in uns, dass Ärger oder Wut sein könnte. Dann kommt der Punkt, wo uns klar wird, dass diese Ereignisse nicht ganz so selten sind wie wir dachten. Damit treten wir in die 2.Phase der Kompetenzentwicklung ein: Die Phase der bewussten Inkompetenz. Wir wissen nun, dass Ärger und Wut unsere Themen sind. Wir wissen aber noch nicht, wie wir mit ihnen positiv leben können. In dieser Phase beginnen wir, uns Wissen anzueignen sowie bewusste persönliche Erfahrungen zu sammeln und somit immer kompetenter zu werden.
Wut muss nicht gegen jemanden gerichtet werden, um zur Ruhe zu kommen. Sie kann abgebaut werden, indem wir z.B. mit dem Auto über die Landstraße fahren und brüllen oder zu Hause zu energischer Musik in die Luft boxen und trampeln. Sie kann durch Rücknahme von Erwartungen oder deutliches Grenzenziehen reduziert werden. Wichtig ist, dass wir darauf achten, wie sich unser Körper dabei anfühlt. Wir wenden bewusst Strategien an und befinden uns somit in der dritten Phase der Kompetenzentwicklung, der bewussten Kompetenz. Dazu gehört auch, dass wir im Nachhinein herausfinden, welches Bedürfnis nicht erfüllt wurde und dass wir weitere Verantwortung für uns insofern übernehmen, in dem wir dafür sorgen, dieses Bedürfnis selbstständig zu stillen. Echte Gefühlskompetenz , also unbewusste Kompetenz, also die 4. Phase der Kompetenzentwicklung ist dann erreicht, wenn wir ohne nachzudenken, Gefühle annehmen, halten und durchleben können sowie in angemessene Interaktion mit unserem Gegenüber treten können.
Manchmal möchten wir, dass andere unsere Bedürfnisse stillen. Auch das hat mit unseren Erwartungen zu tun. Es ist jedoch nicht die Aufgabe anderer Menschen und auch nicht die unserer Hunde, unseren Bedürfnissen nachzukommen. Es ist wie inzwischen schon so oft erwähnt unsere Verantwortung.
Schauen wir uns nun Erwartungen an, die zu Ärger und Wut führen können.
Erwartungen
Ziel sollte es immer sein, anderen Lebewesen auf angemessene Art und Weise mitzuteilen, welche Erwartungen wir selbst haben. Dazu müssen uns unsere Erwartungen selbst bewusst sein. Das ermöglicht uns auch festzustellen, welche Erwartungen eigentlich angemessen und welche unangemessen sind.
Erwartungen können wir einteilen in:
- Erwartungen anderer an mich: Was wollen sie, wie ich leben (denken, fühlen, handeln), und z.B. meinem Hund behandeln sollte? Sind diese Erwartungen angemessen oder unangemessen?
- Erwartungen an mich selbst: Was denke ich, wie ich leben und mit meinem Hund umgehen sollte? Sind diese Erwartungen angemessen oder unangemessen?
- Erwartungen an andere: Wie sollten diese leben und in Bezug auf ihre Hunde handeln? Sind diese Erwartungen angemessen oder unangemessen?
- Erwartungserwartung: Was nehme ich an, was die Gesellschaft denken könnte, wie ich mit meinem Hund umgehen sollte?
TIPP I: Leg dir ein Heftchen an, in dem du deine Erwartung schriftlich notierst, ohne sie zu zensieren. Anschließend analysierst du sie nach der Herkunft und Angemessenheit.
TIPP II: Angemessenheit kannst du z.B. erkennen, wenn du die Erwartung laut aussprichst und dein Körper sich dabei frei und leicht fühlt oder deine Brust offen und weit ist. Bei Unangemessenheit wirst du Enge, Schwere, Druck spüren.
Für die Möglichkeit, Erwartungen mitzuteilen und Beziehungen positiv zu gestalten, verlassen wir kurz den Bereich Mensch-Hund und schauen uns ein immer wieder aktuelles Thema aus den zwischenmenschlichen Beziehungen an.
Wir haben als in Mitteleuropa sozialisierte Menschen die unbewusste Erwartung, dass Fremde in einer Unterhaltung einen bestimmten Abstand zu uns einhalten. Im Allgemeinen liegt dieser Abstand bei über einer Armlänge. Diese Erwartung müssen wir niemanden mitteilen, denn sie ist kollektiv, d.h. alle anderen Mitteleuropäer haben ebenfalls diese Erwartung an uns. In südlicheren Ländern hingegen gibt es eine andere Erwartungshaltung über den Abstand zu Fremden im Gespräch. Dieser ist viel geringer als bei Mitteleuropäern. Wenn sich nun zwei Menschen aus den unterschiedlichen Kulturkreisen begegnen, kann es dazu kommen, dass sich der Mitteleuropäer eher bedrängt fühlt, weil sein Wohlfühlabstand unterschritten wird. Bei Frauen ist das Gefühl des Bedrängtwerdens meistens noch größer.
In jedem Fall wurde eine unbewusste Erwartung nicht erfüllt. Sie wurde negativ ent-täuscht und löst somit zunächst Ärger bzw. Wut über die Grenzverletzung in der sich bedrängt fühlenden Person aus. Auch für den Gesprächspartner gilt dies. Seine Erwartung könnte sein, dass sich das Gegenüber nicht einfach zurückzieht. Die Herstellung räumlicher Distanz kann als Abwertung erlebt werden.
Ein konstruktive Möglichkeit zur Lösung wäre, die eigenen Erwartungen offen mitzuteilen und somit weiter gemeinsame Kommunikation zu ermöglichen. Dazu müssten uns unsere Erwartungen jedoch zunächst selbst bewusst werden. Bleiben sie unbewusst, können wir sie auch nicht angemessen mitteilen.
Ähnlich verhält es sich in der Mensch-Hunde-Beziehung. Hier können wir eine unangemessene oder von uns unangemessen kommunizierte Erwartung zurück nehmen, sobald sie uns bewusst geworden ist und eine angemessene Erwartung erarbeiten.
Uns sollte klar sein, dass niemand die Erwartungen eines anderen auch erfüllen muss. Jedes Lebewesen darf eine Erwartung auch zurückweisen.
Hunde tun das zum Beispiel durch Entziehen, Knurren oder Abschnapper.
TIPP: Wenn du Schwierigkeiten dabei hast, deine Erwartungen, Wünsche und Bedürfnisse anderen mitzuteilen, suche dir professionelle Unterstützung! Jeder hat ein Recht darauf, gehört zu werden."
Ich hoffe dieser Exkurs in die Welt unserer Gefühle hat dich angeregt, dich intensiver mit diesen zu beschäftigen, deine eigene Kompetenzentwicklung voranzutreiben und den Gedanken, dass Gewaltfreiheit möglich ist weiter zu tragen und zu verbreiten.